Manifest

Frauen*streiks sind nichts Neues. Schon 1893 kommt es in der Textilbranche Wiens zum ersten Frauen*streik in Österreich, der sogar Wochen andauert. Auch 1911 marschieren mehr als 1 Million Frauen* auf den Straßen Österreichs unter dem Slogan „Heraus mit dem Frauenwahlrecht“. Frauen*streiks sind also schon seit jeher Katalysatoren für Veränderungen in der Gesellschaft. So verlassen etwa auch Frauen der Textilindustrie am Internationalen Frauentag des Jahres 1917 ihre Fabriken, um im zaristischen Petrograd für Brot und Frieden auf die Straßen zu gehen. Damit hat auch die große Oktoberrevolution angefangen. Solidarität und solidarisch im Kampf zusammen zu stehen ist das, was jeden Frauen*streik ausmacht. Auch die #metoo-Problematik ist bereits in den 1920ern Jahren präsent, denn 1925 streiken etwa 80 Frauen* in der Schokoladenfabrik Bensdorp mehrere Wochen lang für die Entlassung eines Vorgesetzten wegen sexueller Übergriffe. Gleichzeitig sorgen sie auch mit ihrem Aufruf zum Boykott der Marke Bensdorp für eine breitere Unterstützung ihrer Forderungen.
Im Oktober 1975 folgten 90% in Island der Frauen dem Aufruf der „Rote Socke“ Organisation zum Streik und forderten bessere Kinderbetreuung, das Recht auf Abtreibung und gleichen Lohn für gleiche Arbeit. In den letzten Jahren bekam der feministischer Streik durch die südamerikanische NiUnaMenos-Bewegung weltweite Bedeutung. Auslöser der ersten NiUnaMenos-Proteste im März 2015 in Argentinien war die erschreckend hohe Zahl der Frauenmorde in Südamerika. Von diesen Protesten ausgehend wurde in vielen südamerikanischen Ländern 2016 zum feministischen Streik aufgerufen. Schnell wurde die Bewegung größer und weltweit fanden Proteste, Demonstrationen und Streiks statt. So demonstrierten beispielsweise am 08. März 2017 in den USA 2 Millionen Menschen unter dem Motte „A day without women“.In Spanien legten am 08. März 2018 rund 5,9 Millionen Arbeiter*innen, die allermeisten von ihnen Frauen, die Arbeit nieder. Von diesem gewerkschaftlich mitgetragenen Generalstreik, waren insgesamt 80 Prozent der Betriebe und Arbeitsstätten betroffen. Eine halbe Million Menschen, vorwiegend Frauen*, nahmen in der Schweiz beim Frauen*streik am 14. Juni 2019 teil. Allein in der Stadt Zürich haben am Freitag mindestens zwanzig Kindertagesstätten den Betrieb früher geschlossen, weil die Betreuerinnen streikten. In knapp 40 Städten wurde 2020 in Deutschland am 08. März zum Streik aufgerufen. In der Türkei stellten die Demonstrationen zum 08. März 2017 und 2018 die größten nicht regierungstreuen Demonstrationen der letzten Jahre dar. All die genannten und die zahlreichen weiteren Streiks hatten eines gemeinsam: die Anprangerung der aktuellen Verhältnisse und das Ziel diese zu verändern.

Während der letzten 20 Jahre war der Aufstieg der neoliberalen Politik zu beobachten, mit Angriffen auf das Gesundheits- und Sozialsystem, Privatisierung von Bereichen wie der Gesundheitsversorgung, Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und der Pensionen. Mit den Privatisierungen sollen Profite für wenige erzielt werden, die auf Kosten von vielen beruhen. Frauen* sind die ersten, die darunter leiden, als prekarisierte Arbeitnehmerinnen, Migrantinnen oder als Mütter, die in vielen Fällen alleine für Haushalt und Kinder verantwortlich sind.

Staatliche Versorgungsleistungen werden gestrichen, Versorgungslücken entstehen und Menschen in reproduktiven Arbeitsverhältnissen, wie im Pflege-, Gesundheits-, Erziehungs-, Bildungswesen und Sozialarbeit sind prekären Arbeitsverhältnissen ausgesetzt. Aufgrund der fehlenden Ressourcen können Menschen in diesen Arbeitsfeldern, nur bis zu einem Minimum gesellschaftliche Sorge und Reproduktion leisten. Tätigkeiten und Bedürfnisse nach Sorge, Pflege und Hausarbeit, die dabei auf der Strecke bleiben, werden zunehmend in den Privatbereich ausgelagert und prekäre Lebensverhältnisse von migrantischen Frauen werden dabei ausgenutzt. Migrantische Frauen füllen die Lücken österreichischer Versorgungsstrukturen! Während das Personal im öffentlichen Dienst gekürzt wird, wird im privaten Haushalt immer mehr auf illegalisierte migrantische Arbeiterinnen unter irregulären Beschäftigungen gesetzt. Die Arbeitsbedingungen sind oft nicht arbeitsrechtlich abgesichert und dementsprechend werden die Arbeiterinnen mit einem kaum existenzsichernden Lohn ausgebeutet. Insbesondere Pflege und Haushaltsarbeiten werden von migrantischen Frauen oft ohne europäische Zugehörigkeit, deren Aufenthaltstitel an den Zugang zu Arbeit gebunden ist, verrichtet. Reproduktionsarbeit wird nicht zwischen den Geschlechtern aufgeteilt, sondern aus globaler Perspektive zwischen den Frauen der Mittelschicht und Migrantinnen.
Eine systematische politische Lösung für die ausstehenden Versorgungsstrukturen wird wegen neoliberalen Einsparungspolitiken kapitalistischer Akteure unterlassen. Wir wollen der Sorglosigkeit des Kapitalismus und rassistischen Diskursen zu Schutz und Sicherheit nationaler Grenzen ein Ende setzten. Wir fordern deshalb eine sorgsame Gesellschaft für ALLE! Eine Gesellschaft, die nicht auf der Ausbeutung und Ungleichheit von vermeintlich „Anderen“ beruht.

Neben diesen gewaltsamen ökonomischen Einschnitten in das Leben von uns allen, sind Frauen* auch vermehrt von psychischer und physischer Gewalt betroffen. Diese Gewalt muss benannt werden und zwar als maskuline und/oder rechtsextreme Gewalt, die toxisch ist und mit unseren ökonomisch bestimmten Lebensbedingungen Hand in Hand geht. Mit der zunehmenden Prekarisierung des Lebens und der damit zusammenhängenden alltäglichen Unsicherheit sind rechtsextreme Anschläge und die Zahlen der Gewalt an Frauen gestiegen, die zu oft als Einzelfälle, Beziehungsdramas und Eifersuchtstaten verhandelt werden. Jedoch handelt es sich hier um ein strukturelles Problem, das sich auf patriarchalen Geschlechterverhältnissen in unserer Gesellschaft gründet und sich bis hin zum Frauenmord zuspitzt.

Wie die Isländer*innen sagen: „Ändern wir nicht die Frauen, ändern wir die Gesellschaft!“* Lassen wir uns nicht mehr sagen, dass wir belastbarer und flexibler werden sollen. Wir wollen nicht mehr die Ruhe und Kraft in kleinen, genussvollen Alltagsmomenten finden. Denn wir wollen nicht einen Alltag leben, der uns auszehrt und der nur wenige Momente lässt, um wieder Energie zu schöpfen. Mit dem F*STREIK wollen wir unsere Ohnmacht gegenüber dem Leben und den Verhältnissen umkehren, um alle, die daran teilhaben, in einen Status als politisches Subjekt, dass sich Gehör und Sichtbarkeit verschafft, zu versetzen. Wir wollen streiken, weil wir massenhaft sabotieren wollen, was uns jeden Tag niederzwingt. Deshalb ist der feministische Streik nicht nur an einem Tag festzumachen, denn Streik ist ein Prozess. Die Zeit des Streiks stellt sich gleichzeitig als eine Zeit der Organisation dar, in der Gespräche geführt werden und in der gemeinsam gehandelt wird, um eine langfristige Perspektive der Veränderung zu entwickeln, an der alle teilhaben können.

Gleichstellung kann nicht in einer Welt umgesetzt werden, in der der Kapitalismus vorherrscht und nur das Geld zählt, sondern sie setzt eine Gesellschaft voraus, in der Respekt und das Wohlbefinden eines jeden menschlichen Wesens zählen. Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der alle Arbeit gleich viel wert ist und in der bestimmte Arbeiten nicht bestimmten Geschlechtern zugeschrieben werden, in der Frauen* nicht Angst haben müssen, weil sie Frauen* sind und in der niemand um die eigene Existenz Angst haben muss.

Es scheint unmöglich, deshalb ist es nötig!

Wir, Frauen, Lesben, inter-, non-binary-und Transpersonen, mit oder ohne Partner*in, in einer Gemeinschaft, mit oder ohne Kinder, mit oder ohne Arbeit, unabhängig von der Art der Arbeit, gesund oder krank, mit oder ohne Beeinträchtigung, jung, erwachsen oder alt, hier oder in einem anderen Land geboren, unterschiedlicher Kultur und Herkunft, wir alle rufen auf zum Frauen*streik. Wir wollen die tatsächliche Gleichstellung und wir wollen selbst über unser Leben bestimmen. Denn wir sind es, die für Hausarbeit, Erziehungsarbeit und die Pflege zu Hause sorgen, ohne die unsere Gesellschaft und Wirtschaft nicht funktionieren könnten. Wir sind es, die sich um das Wohlergehen der Kinder und der betagten Eltern kümmern und sorgen. Aber es fehlt uns an Geld und an Zeit.